Lyboria befindet sich

im Wandel der Zeit...

Für lange Zeit herrschte hier größtenteils Frieden. Außer den altbekannten Freund- und Feindschaften veränderte sich, in dieser artenreichen Welt, nicht viel. Dies ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass mittlerweile viele Völker in Lyboria ihren Platz gefunden und ihre Heimat dort errichtet haben. Unterschiedliche Völker bringen unterschiedliche Interessen und Ansichten mit sich, was wiederum ein erhöhtes Risiko an Konfliktpotential beherbergt. Manch einer hatte den Eindruck, dass es in diesem friedlichen Land zu ruhig geworden wäre. Diese Wenigen sollten Recht behalten, denn das Gesetz des Rhythmus hat wieder zugeschlagen. Der Höhepunkt der Friedenszeit wurde erreicht und das Pendel fing an, in die andere Richtung zu schwingen. Gemüter veränderten sich, der Umgangston unter den Völkern wurde rauer und die Situation von manchen Feindschaften verschärfte sich. Es brodelte unter der Oberfläche und die Lage schien außer Kontrolle zu geraten. Sinnbildlich war das Fass randvoll und es brauchte nur noch einen kleinen Tropfen, der es zum Überlaufen brachte. Dieser ließ nicht lange auf sich warten.

 

Der letzte Tropfen, der das Unausweichliche endgültig ins Rollen gebracht hat, kam in Form von mehreren Visionen. Jeweils der Anführer eines Volkes hatte eine Vision, welche sein Denken, seine Handlungen und vor Allem seine Einstellung zu den anderen Völkern beeinflussen sollte.

Als König Halmund Knochenschild seinen morgendlichen Spaziergang, während der atemberaubenden Morgenröte, durch die ertragreichen Felder seines Landes machte, brach er zusammen. Eine Vision zwang ihn in die Knie. Verschwommen sah er sich selbst, inmitten eines Schlachtfeldes stehen. Sein Volk schien maßlos unterlegen und er war gezwungen, bei der Niederlage zuzusehen. Um nicht nur tatenlos herumzustehen, zog er sein Schwert. Beim Ziehen bemerkte er etwas Ungewöhnliches am Griff. Ein Mondstein verstärkte seine Klinge.

Er spürte förmlich die Kraft dieses Steins. Mit einem Schlag wurde seine Angst zu Mut und seine Zweifel zu Entschlossenheit. Er hatte das Gefühl nichts könne ihn noch stoppen. Mit der neu gewonnenen Kraft trat er vor seine Truppen. Seine Krieger waren vom neuen Anblick ihres Anführers beeindruckt und gewannen dadurch wertvolle Moral. Der König sprach, mit stolzer Brust, fesselnde Worte an seine treuen Kämpfer. Dann richtete er das Schwert auf seine Feinde und befahl somit den finalen Gegenschlag. Nach dieser Schlacht sah er sich schon Auge in Auge bei einem Festmahl mit dem Allvater Hrulf sitzen.

Dieser schöne Moment wurde jedoch abrupt unterbrochen, denn die Vision zeigte ihm anschließend bruchstückhafte Bilder von Eindringlingen, die Felder und Häuser niederbrannten und gnadenlos über die Nordur herfielen. Man konnte ihnen nichts entgegensetzen. Verzweifelt suchte König Halmund Knochenschild seinen Mondstein, vergeblich. Er sah den Stein in den Händen des feindlichen Anführers. Dies war auch die Erklärung für die Stärke der gegnerischen Truppen. In diesem Teil der Vision stand er auf der Verliererseite, scheinbar einzig und allein aufgrund eines Mondsteines. Bevor sein Ende in der Vision besiegelt werden konnte, wandte sich ihm eine Stimme zu:

„Augen auf, mein Sohn! Deine Feinde schlafen nicht. Nimm dir, was dir gehört, oder man wird dir alles nehmen, was du bereits hast.“

Er sah, wie sich rund um sein Reich andere Völker tummelten. Spione wurden entsandt, um sein Volk auszukundschaften, Feinde drangen durch die bisher unüberwindbare Nebelfestung und am Rande der Sümpfe wurden sogar schon die ersten Bewohner vermisst. Alle Augen waren nun auf den Mondstein und den damit verbundenen Reichtum gerichtet. Drarnok konnte die Gier und den Neid in den Augen der Widersacher erkennen. Am Ende der Vision sprach noch eine Stimme zu ihm:

„Reichtum liegt in der Luft, mein treues Kind. Unser Volk war seit jeher dafür vorhergesehen zu herrschen. Doch sei auf der Hut vor den Anderen. Du hast es selbst gesehen, unserem Reichtum und unserer Macht wird man mit Neid und Habsucht begegnen.“

Während Drarnok, Gebieter der Naphas, die große Halle betrat und den Blick auf seinen begehrten Steinthron richtete, überkam ihn eine Vision. Er sah sich selbst auf besagtem Thron sitzen, und in der Hand hielt er einen mächtigen Mondstein. Zuerst gehörte seine Aufmerksamkeit nur dem Mondstein, es war, als hätte er ihn in einen Bann gezogen. Als er seinen Blick endlich davon abwendete, bemerkte er erst, welchen Reichtum er und sein Volk besaßen. Die große Halle war voll mit Gold und Silber. Egal ob Münzen, Kelche oder Schmuck, es gab alles im Überfluss.

Als wäre das noch nicht genug, waren die Wände und Decken mit den unterschiedlichsten Edelsteinen verziert. Smaragde, Diamanten, Saphire, Rubine und Topase. Es gab nichts, was es nicht gab. Die Vision ging aber noch weiter. 

Wie auch bei den anderen Anführern, wechselte die Vision ihre Natur und auf Bilder des Triumphs und der Macht, folgten Bilder des Grauens. Andere Völker kamen in den Besitz von Mondsteinen. Sie fackelten den Wald ab, hinterließen ein Chaos hinter sich und töteten jeden Achtbeinigen, den sie finden konnten. Gerade als die Feinde den Schattenbaum schänden wollten, wurde die Vision unterbrochen und Worte einer unbekannten Gestalt ertönten in ihren Ohren:

„Der Wald, die Heimat und das Volk sehnen sich nach Wachstum. Das Unmögliche kann möglich gemacht werden. Sähe die richtige Saat und lass unser Land gedeihen, oder sträube dich vor großer Macht und der Wald wird brennen.“ 

Nahila, Anführerin der Tagari, schlief gerade friedlich, unter dem prächtigsten Sternenhimmel, den man sich nur vorstellen kann. In ihrem Traum traf sie eine Vision, die sich echter nicht anfühlen konnte. Sie sah sich meditierend im Grase sitzend. In der Hand hielt sie eine Halskette mit einem Mondstein. Sich selbst betrachtend, fühlte sie sich unbeschreiblich stolz.

 

Sie war kein gewöhnlicher Tagari mehr, sie besaß neun Schwänze. Es heißt, wenn ein Tagari neun Schwänze besitzt, hat er die höchste spirituelle Stufe erreicht. Jeder Tagari strebt es an, diesen von Weisheit geprägten Zustand zu erreichen.

Dann verblasste die Vision und der schöne Anblick wechselte in einen Düsteren. Völker drangen in die Steppen ein und fielen über die Tagari her. Sie sah ihr Volk eingesperrt hinter Gittern, gepeinigt durch die Hände der Feinde. Die Feinde waren, durch den Besitz des Mondsteins und die daraus resultierende Macht, in allen Belangen überlegen. Sie versklavten ihr ganzes Volk. Am Höhepunkt des schrecklichen Anblicks richtete eine unbekannte Stimme folgende Worte an sie:

„Ich habe dein Potential erkannt und weiß wozu du fähig bist. Du hast gesehen, was du dafür benötigst. Bring die kosmischen Relikte in den Besitz der Tagari, andernfalls werden Leid, Trauer und Tod die Folge auf dein Versagen sein.“

Moryana, Anführerin der Arachniden und Oberhaupt der Spinnen, hielt gerade ihre Ansprache beim regelmäßigen Treffen des Rates der 16, als sie zusammenbrach. Sie ging vor den Augen der anderen Ratsmitglieder zu Boden und war einer Vision hilflos ausgesetzt. In ihrer Vision sah sie den Schattenbaum in ungewöhnlicher Manier. Moryana entdeckte etwas Seltsames am Baum. Eine Öffnung, die ihr entweder noch nie aufgefallen, oder erst seit kurzem dort vorhanden war. Sie sah sich selbst auf die seltsame Öffnung zugehen und dabei etwas aus ihrer Tasche holen.

Es war ein Mondstein. Wie von einem Fremden an der Hand geführt, nahm sie den Mondstein und platzierte ihn in dem scheinbar dafür vorhergesehenen Hohlraum. Was dann passierte war magisch und frei von jeder vernünftigen Erklärung. Der Stein entfaltete eine Kraft, die dem Wald zu neuem Glanz verhalf. Die Wurzeln des Baumes fingen an sich zu verbreiten, die Bäume wurden größer und mächtiger und der Finsterwald war nicht mehr wiederzuerkennen. Er breitete sich aus und die Arachniden gewannen dadurch wertvolles Land und Einfluss. Noch nie zuvor in der Geschichte des Volkes waren sie so reich an Land.

Auch die Völker in den anderen Teilen Lyborias hatten ähnliche Visionen. Jedem wurde gezeigt, dass alles zwei Seiten hat und die Dinge oft auf wackligen Beinen stehen. Derjenige, der die Dualität versteht, wird das große Ganze sehen können. Die Anführer der Völker sahen, welch große Macht diese Mondsteine beherbergen. Alleine die Vorstellung solch ein mächtiges Artefakt zu besitzen, lässt ihre Herzen höherschlagen. Dieses Verlangen wird durch den Umstand, dass auch die Anderen in Besitz dieser Steine gelangen könnten, gestärkt. Gibt es die Mondsteine wirklich? Das fragten sich die Meisten. Es dauerte nicht lange, bis der Mythos Mondstein zu einer ernstzunehmenden Realität wurde. Gerüchten zufolge wurde ein solcher Stein bereits entdeckt. War das nur ein Gerücht? Fragen über Fragen, welche gerade eine Masse an Ungewissheit durchs Land ziehen lässt. Bündnisse stehen auf der Kippe, längst vergessene Feindschaften werden neu zum Leben erweckt und die Gier und der Neid schlägt in den Köpfen der Bewohner Lyborias Wurzeln. Die Suche nach den Mondsteinen und der Kampf um vermeintliche Macht hat begonnen. Doch woher kommen diese Visionen? Wer steckt hinter all dem? Fragen, die aufgrund von Begierde und Verlangen nicht gestellt werden.

Ein neues, gefährliches Zeitalter hat begonnen…